Menschen der Ehe

Ich glaube, daß es so viel verschiedene Neigungen und Bedürfnisse giebt, als es Menschen giebt, und ich wünschte, daß jeder Menschen diesen seinen Neigungen ungestört nachlebe, aus dem einfachen Grunde, um selbst ungestört den meinen folgen zu können. Ich maße mir nicht an, die Menschen zu verstehen. Wir verstehen überhaupt wenig von einander. Aber frech greifen wir täglich und stündlich in das Leben unserer Mitmenschen ein, unter dem lügenhaften Vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Ich möchte, daß ein Jeder nach seiner Façon glücklich werde hier auf der Erde. So ungefähr ist der Grundgedanke meines Buches. Du hast es nicht gelesen; ich mußte ihn Dir daher schnell herzeichnen. Wovon man Dir aber wahrscheinlich erzählt haben wird, das ist das Kapitel, welches ich »Die Menschen der Ehe« betitelt habe. Ohne irgendwie zu klassificiren oder zu schematisieren, habe ich in ihm die Frage gestellt, ob es nicht einen größeren Theil Menschen gäbe in unserer Zeit, auf welche diese Bezeichnung mit Recht sich anwenden ließe; Menschen der Enge im Gegensatz zu den Menschen der Weite; Menschen, die nie in Conflikt kommen mit ihrer Umgebung, da sie alle Geschicke – alle, welche aus der Menschen Hände kommen – als von Gott ihnen auferlegt betrachten; Menschen der kleinen Zufriedenheit, die ihr Glück finden in den Winkeln des Tages, immer an dem einen Tische und immer an derselben Brust; Menschen, die nicht wissen, was es heißt, ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben, weil sie nicht wissen, was es heißt: zu leben; Menschen der Stagnation, nicht Menschen der Bewegung; Nummern, aber Nummern, welche zu Zahlen werden, und welche ich deshalb hasse! – Menschen der Gewöhnlichkeit! – Menschen der Ehe!

John Henry Mackay

»Ich kenne nur ein Verhältniß wie zwischen Mensch und Mensch, so zwischen Mann und
Weib, das ich würdig nenne: das auf gegenseitiger Unabhängigkeit beruhende; denn es ist zugleich das einzige, welches die gegenseitige Achtung ermöglicht. Der Herr verachtet den Knecht, und der Knecht haßt den Herrn.« Mit verständnißlosen Augen sah sie vor sich hin. »Und in der Ehe?« – fragte sie unsicher. »Bemitleidet der Mann heimlich die Frau, während die Frau ihn heimlich belächelt.« Verstohlen blickte sie ihn von der Seite an. Woher weiß er das? – war ihr erster Gedanke. »Es giebt doch so viele glückliche Ehen –« »Wie viele kennst Du?« »Nein –, aber –« »Nun, ich leugne es. Es gibt verschwindend wenige. Was Glück genannt wird ist Zufriedenheit. Und was Zufriedenheit scheint, ist nur Gewöhnung – jene Gewöhnung der schwächlichen Ohnmacht, welche davor zurückschaudert, Ketten zu brechen, und in feiger Nachgiebigkeit Schritt für Schritt zurückweicht, Stück um Stück ihrer eigenen Würde, ihrer eigenen Freiheit und – was das Traurigste ist – ihres eigenen Glückes opfert, um das zu werden, was eine alberne Oeffentlichkeit einen guten Ehegatten, ein treues Eheweib nennt.« »Aber wie denkst Du Dir denn –« begann sie zu wiederholen. »Das Verhältniß zwischen Mann und Frau in der Freiheit? – Ich verstehe eine solche Frage kaum. Vernünftige Menschen kommen zusammen, wenn sie sich lieben und gehen auseinander, wenn sie sich nicht mehr lieben. Mag sein, daß sie bis an ihr Lebensende zusammen bleiben in Liebe und Einigkeit. Oft wird es nicht der Fall sein.« Auch sie stand nun auf. »Aber um Gotteswillen, das ist ja im höchsten Grade unmoralisch, was Du da sagst!« rief sie. »Es ist ja unanständig!« Er lachte nur, laut und rücksichtslos. Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, daß sie ihn fragen würde, was
aus den Kindern der freien Verbindung werden würde. Aber er täuschte sich auch diesmal. Sie rief – wie alle Schwachköpfe – die Moral zu Hülfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte. Gleichmütig sagte er: »Ja, über Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen und die Deiner Klasse, welche Du teilst, wie ich sehe, weit auseinander. Ich weiß, daß es noch viele, viele Menschen giebt, welche eine Vereinigung erst dann für anständig halten, wenn sie sich dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt – Kirche und Pfaffe – Hochzeitsreise; welche es anständig nennen, wenn zwei Menschen zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen können und die erkannt haben, daß auch das leiseste Gefühl sie nicht mehr zusammenhält, sondern nur noch das gegebene Wort. Ich weiß aber auch, daß es Menschen giebt, welche jede Umarmung, welche aus anderen Gründen erfolgt, als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen gehöre auch ich. Und eins möchte ich Dir und Allen, die die Ehe vertheidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und emphatisch beschreien, eins möchte ich Euch Allen, Euch Menschen der Ehe, sagen: Thut, was Ihr wollt, aber zeigt uns durch Eure eigenen glücklichen Ehen, daß wir im Unrecht sind und Ihr im Recht seid mit Eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir Euch vielleicht glauben, eher nicht!«
[…] IV.
Sollte er sie aufsuchen, die Genossen jener Tage? – Fast wandelte ihn die Lust dazu an, wie nun Gestalt um Gestalt vor ihm emportauchte. Was war aus ihnen geworden? – Wie waren sie geworden? Wo waren sie gelandet? Von den meisten war es nicht schwer es zu ahnen. Denn die meisten waren schon damals in ihrer Jugend dazu bestimmt, ein vorgeschriebenes Leben zu leben: das Leben herunterzuleben, wie Grach es nannte. Nachdem ein Examen – ein Thor, welches unwiderruflich passiert werden mußte, wollte man in dieses Leben eintreten – sie gezwungen hatte sich den Kopf mit einer unglaublichen Menge modernden Gerümpels zu füllen, wurden ihnen einige Jahre gegönnt, ihn von diesem Wuste zu befreien. Sie hatten zu vergessen, was sie gelernt hatten. Nach diesen Jahren einer ungebundenen Freiheit auf der Hochschule aber steckte sie der Vater unerbittlich in das von dem Großvater gemachte, und von ihm selbst wohl gewärmte Bett, und »niemals wieder sah sie die Welt.« Sie wählten unter den Töchtern des Landes eine – jeder eine – und begannen, sich zu vermehren in Züchten und
Ehren. Sie traten in die »Harmonie« oder in die Dilettantengesellschaft »Urania« ein und tanzten im Winter im »Casino«, so lange sie noch jung waren. Wurden sie älter, so begann das einzige Gefühl von Würde, dessen der Philister fähig ist: ein Bürger des Staates zu sein, ihre Brust zu schwellen, und sie glaubten sich an den Geschicken des Landes zu betheiligen, wenn sie von Zeit zu Zeit einen Zettel in die Wahlurne warfen und Abends beim Biere endlose Debatten über die gleichgültigsten und belanglosesten Fragen innerer und äußerer Politik – dieses Tummelgebietes aller Menschen ohne Geist und Kraft – führten, bis die Stunde schlug, wo die Angst vor der Frau sie nach Haus und in das gemeinsame Bett trieb … Sie waren Menschen der Ehe geworden. Nein, er wollte keinen von ihnen wiedersehen. Man würde sich doch nur gegenseitig eine traurige Enttäuschung bereiten, und in einer so veränderten Sprache über Menschen und Dinge reden, daß man sich nicht mehr verstehen würde…
[…]
Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein Unwesen diese ganze Straße entlang. Arme Arbeiter! Des Sonntags kamen sie, weither aus den Dörfern und Flecken, mit ihren schweren Schuhen, die Männer mit plumpen Stöcken und die Weiber mit ungeheuren, unförmigen Parapluies, halb noch bedeckt mit dem Schweiße und dem Staub der Woche, ganz noch erdrückt unter der Wucht ihrer Sklaverei, kamen sie um einzukaufen, was sie brauchten, das heißt, drei-, vier-, fünf- und zehnfach verteuert einzutauschen, was sie selbst erschaffen hatten in anderer Form: die Arbeit. Verlegen, unsicher, bittend und schüchtern traten sie in die »Geschäfte« und ließen sich von schwatzenden Juden, und Christen, die schlimmer waren als die Juden, das Fell über die Ohren ziehen, daß es nur so flutschte.

Werbeanzeigen