Shiksta

Die Bewohner Shikastas verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, sich über das Verhalten der anderen zu wundern und es zu kommentieren. Dies kommt zum Teil daher, daß ihre Kenntnisse auf dem Gebiet, das sie als “Psychologie” bezeichnen, mangelhaft sind, zum anderen daher, daß sie das, was sie wissen, nicht anwenden.

Das meiste Erstaunen, freudig oder auch nicht, das sie über eine Entwicklung empfinden können, wird ausgelöst, wenn sich ein innerer Druck im Konflikt oder Aufeinanderprallen verschiedener Mentalitäten entlädt. Eine Volksweisheit besagt, daß Menschen sich oft zu denen hingezogen fühlen, die ihnen zwangsläufig Schmerz zufügen müssen. Richtig ist auch, daß die verborgene Kraft, die Shikasta auf seinem mühsamen und schmerzlichen Weg vorantreibt, und die von einigen als “Wegweiser” oder “innere Stimme” begriffen wird, keineswegs das “Glück” oder die “Bequemlichkeit” berücksichtigt, wenn sie auf ein Individuum einwirkt, um es der Selbsterkenntnis, dem Verstehen näher zu bringen.

Es ist meistens nicht notwendig, ein Individuum in diese oder jene Beziehung oder Situation hineinzudirigieren; bestimmte Seiten seiner Persönlichkeit, deren es sich vielleicht garnicht bewußt ist, werden es, nach den Gesetzen von Anziehung und Abstoßung, an die Orte, in die Nähe der Menschen führen, die ihm nützen. Häufig begegnen sich zwei oder mehrere in einer eindrucksvollen und für sie förderlichen Situation, die von unbeteiligten Betrachtern als das Ergebnis eines “Wunders” oder göttlichen Eingreifens erklärt wird. Die beiden oder die Gruppe sind zueinander hingezogen worden, manchmal über Kontinente, durch unüberwindlich scheinende Gefahren, weil sie einander brauchten, um voneinander zu lernen.

Ein solcher Prozeß konnte dem uneingeweihten Beobachter allerdings zuweilen wie ein sinnloser oder vergeblicher Konflikt, wie eine Sackgasse vorkommen oder sogar wie etwas Zerstörerisches. Und natürlich sind solche Begegnungen manchmal wirklich enttäuschend, vergeblich, zerstörerisch. Wie könnte es auch anders sein auf dem bedauernswerten Shikasta in seiner verzweifelten Situation, am Ende der langen Entwicklung, die es in diesem schändlichen Zustand gebracht hat? Doch oft auch nicht; und vielleicht sagen die Beteiligten später zu sich selbst oder zueinander von dieser Zeit, die sie als so schwierig oder unerträglich schmerzhaft oder enttäuschend erlebt haben: Wieviel habe ich damals gelernt! Ich möchte diese Erfahrungen um die Welt nicht missen! Die Archivare.

Doris Lessing

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