Mosuo

Im Osten Tibets lebt der Stamm der Moso. Derzeit ist das Land von dem Stamm der Han (Chinesen) besetzt. Die Moso leben eine Gesellschaftsform, welche den Säulen der Zivilisation und den natürlichen Bedürfnissen des Menschen gleichermaßen entspricht. Verbindungen zwischen Frauen und Männern sind und bleiben unbelastet und freudevoll. Ein Leben ohne Eifersucht als Grundlage für Frieden seit Jahrtausenden möge für die Weltgemeinschaft das Vorbild darstellen.

[…]in den meisten Gesellschaften muß für gewöhnlich ein Faktor zurückstehen, damit die Ehe funktioniert. In patrilinearen männlich dominierten Gesellschaften wird fast immer die romantische Liebe geopfert und fast immer die sexuelle Freiheit und die Lust – der Frauen. In extremeren Fällen hängt möglicherweise die männliche Erblinie von der ausschließlichen sexuellen Kooperation von Frauen und Töchtern ab, etwas, wozu Frauen von Natur aus nicht neigen. Solche Gesellschaften müssen sich große Mühe geben, die Sexualität der Frauen in Schach zu halten und greifen dazu oft zu drastischen Maßnahmen, wobei zu den menschenverachtendsten die weibliche Beschneidung, das Einbinden der Füße, Witwenverbrennungen, Burkas, und alle Arten sozialer Isolation gehören. Wenn andererseits die Ehe auf den Idealen romantischer Liebe, sexueller Harmonie und der Gleichheit zweier Individuen basiert, statt auf der Sorge um Erblinien und Eigentum, gerät die ökonomische Stabilität, ja die Einheit der Familie selbst in Gefahr. Wie unsere gegenwärtigen Scheidungsraten zeigen, ist die Liebe zwar ein hehres Ideal, aber eine schwache Basis für eine stabile Ehe. Die Moso dagegen haben eine außergewöhnliche kulturelle Wahl getroffen: Sie haben weder die sexuelle Freiheit noch die romantische Liebe geopfert, weder die ökonomische Sicherheit noch die Kontinuität ihrer Vererbungslinien. Stattdessen haben sie die Ehe verworfen. Gewonnen haben sie eine Gesellschaft, in der alle grundlegenden Bestandteile des Lebens – Nahrung, Zuneigung, Besitz und Familienlinien – Geburtsrechte sind, die durch den alleroffensichtlichsten Umstand der mütterlichen Verbindung hergestellt werden. Interessanterweise finden aus der Perspektive der Familienkontinuität nicht nur Frauen, sondern auch Männer Erfüllung in dieser Lebensweise, die sie von dem Druck befreit, für Nachkommenschaft zu sorgen – denn die Mosofamilien mit ihren zahlreichen Schwestern garantieren fast sicher den Fortbestand bis in die nächste Generation. Die Moso vertreten idealistisch die Meinung, dass ihre um die Mütter zentrierte Lebensweise die bestmögliche ist und am besten geeignet, Glück und Harmonie zu fördern.”

Yang Erche Namu, Christine Mathieu (2005): Das Land der Töchter: Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört. Ullstein TB Verlag; Berlin.

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