Ewald Rumpf: Über die Beziehung des Menschen zum Tier

Der Mord, den die Menschheit an der Tierwelt verübt hat, ist erschreckend. Tausende Tierarten sind ausgestorben, Millionen und aber Millionen von Säugetieren, Vögeln und Fischen geschlachtet worden. Der eine Grund ist die unbeschränkte Expansion des Menschen in alle Bereiche der Natur, besonders in die Reviere der Tiere. Der andere Grund ist, dass der Mensch sich angewöhnt hat, Tiere zu essen. Es soll hier kurz bewiesen werden, dass der Mensch von Natur aus kein Fleischfresser ist. Weder ist für ihn der Geruch eines lebendes Säugetiers verlockend, noch sind seine Zähne so beschaffen, dass er sie in ihren fellbestückten Nacken schlagen könnte oder gar aus dem Tier, sagen wir ein Schaf, Schwein oder Rind, Stücke herausreißen könnte, wie es Raubtiere mühelos machen. Im Gegenteil stinken Säugetiere und wirken in der Berührung mit dem Mund abstoßend. Ebenfalls würde er mit Sicherheit wohl kein fliehendes Reh, keine Gemse und keinen Hasen einholen können. Ihm fehlen jegliche Klauen, um das Beutetier festhalten zu können Die Fleischspeise ist erst möglich, seitdem der Mensch raffinierte Fallen oder Waffen erfunden hat, um Tiere fangen, jagen und erlegen zu können und nachdem er mit Feuer das Fleisch weich kochen und mit Gewürzen schmackhaft machen kann. Selbst die Menschenaffen als unsere nächsten tierischen Verwandte, die über viel größere Eckzähne und größere Kräfte als der Mensch verfügen, bleiben reine Pflanzenfresser. Es liegt daran, dass all ihre und unsere Sinnesorgane auf die Pflanzenwelt ausgerichtet sind. Wir sind entzückt über Blumen und erfreuen uns an ihrem Duft, wir empfinden die Frische der zahlreichen Obst- und Beerensorten und machen uns ihre spezifischen Gerüche als Parfum zu eigen. Wir lieben den Anblick der grünen Natur und die Spaziergänge durch Savannen und Wälder. Während Löwen, Hunde, Katzen und Marder an Blumen und Kräutern vorbeistreifen als existierten sie nicht, wird jeder Kothaufen für sie zum interessanten Geruchsobjekt, in den sie ihre Nase stecken. Menschen ekeln sich bekanntlich vor jeder Art von Kot, und Affen übrigens auch. Wir meiden die Berührung damit aufs Gewissenhafteste. Brunstgerüche und Ausscheidungen der Säugetiere sind dem Menschen von Natur her ekelhaft, während sie für Raubtiere erregende Luststoffe darstellen, auf die sie mit reißender Begierde reagieren. Fleischgenuss ist nur möglich durch erhebliche Denaturierung ihrer Substanz, nämlich durch Zerlegen, Kochen, Braten und

Würzen, so dass von ihrem rohen Geschmack nichts mehr übrig bleibt. Das genügt, um zu verdeutlichen, wie widernatürlich die Einverleibung tierischer Fleischstücke für den Menschen ist. Warum ist aber trotzdem der größte Teil der Menschheit zum Fleischfresser geworden? Der erste Fleischkonsum der Urmenschen war sicherlich magischer Natur. Das aufgrund von Notwehr oder zum Ermessen eigener Kräfte getötete Tier wurde in dem Glauben verzehrt, durch Introjektion seine Kraft einverleiben zu können. Die religiöse Natur des Fleischverzehrs wirkt bis in die geschichtliche Zeit hinein. Die antiken Völker in biblischen Zeiten und Homers Dichtungen haben nur tierische Nahrung im Zusammenhang mit Götteropfern zu sich genommen. Felszeichnungen über Tiere zeigen ebenfalls die rituelle Bedeutung der Tierjagd auf. Ferner spricht dafür die Gepflogenheit des primitiven Kannibalismus. Auch hier wird der andere Mensch nicht getötet, um gegessen zu werden, sondern der im Kampf getötete Feind wird verzehrt, um dessen Fähigkeiten einzuverleiben. Wahrscheinlich ist der Feuergebrauch zum Zubereiten von Nahrung erst mit dem Fleischkonsum entstanden, denn Früchte und Salatblätter brauchen nicht gekocht zu werden. Kannibalismus und Menschenopfer sind im Laufe einiger tausend Jahre endlich zu einem Tabu geworden und das Verbot ihres Verzehrs gehört zum absoluten Standart des ethischen Bewusstseins. Leider ist das Schlachten noch nicht zum allgemeinen Tabu geworden. Partiell besteht es bei einigen Völkern im indischen Subkontinent, religiös unterstützt durch den Buddhismus und Hinduismus. Partiell besteht ferner das Tabu bei fast allen Völkern in der Form, dass bestimmte Tiere nicht verzehrt werden dürfen. In Europa würde es als abscheulich empfunden werden, wenn ein Herr seinen Hund, eine Frau ihre Katze verzehren würde. Bei Naturvölkern findet man immer ein Totemtier, das nicht in profaner Weise geschlachtet werden darf. Bei dem einen Volk ist es das Schwein, beim andern das Rind, dann wieder die Schlange, dann die Schildkröte usw., die jeweils aus religiösen, magischen oder animistischen Gründen nicht verzehrt werden dürfen. Jüdische und arabische Gesetze verbieten noch heute den Verzehr bestimmter Tiere. Dass Tiere nicht gegessen werden, entspricht einer natürlichen Ethik, nicht einer sozialisierten. Die natürliche Ethik zeichnet sich dadurch aus, dass das bewertete Verhalten aus der biologischen Konstitution gegeben ist. Nehmen wir an, ein in der Wüste ohne Waffen oder Instrumente irrender Mensch litte an schwerem Hunger. Könnte er je in irgendein Tier beißen und dieses verzehren? Natürlich nicht, er könnte schon keines fangen, weil jedes zu schnell wäre. Selbst wenn ihm ein Kamel vor seine Füße liefe und ihm seinen Nacken hinhalten würde, würde er völlig vergeblich in sein Fell beißen. Abgesehen davon würde in ihm auch der größte Hunger keinen Appetit darauf machen, irgendein Tier anzunagen. Mit Widerwillen könnte er vielleicht in einen Gecko beißen, wenn er sich fest einredet, dass diese ekelhafte Tat ihm das Leben retten könnte. Der Mensch ist von Natur absolut kein Fleischesser. Somit gehört es zu seiner natürlich Ethik, sich jeglichen Fleischkonsums zu enthalten. Er bräuchte so wenig ein Verbot des Fleischessens wie der Löwe ein Verbot braucht, keine Bananen zu fressen. Dass der Mensch dennoch fähig ist, gegen die natürliche Ethik aufgrund von sozialisierten Normen zu verstoßen, ist aus anderen Gebieten bekannt: Er tötet zum Beispiel Artgenossen, wenn ihm diese als Feinde suggeriert werden. Er kann sich überessen und abnormal fett werden, er kann sich selbst mit Beschneidungen verstümmeln, er kann sich aus Gefallen am Ornament Ringe und Spieße durch die Haut stoßen, er kann sich sogar das Leben nehmen. Es gibt zahlreiche Menschen, die sich solche Perversionen erlauben, und trotzdem wird kein vernünftiger Forscher sagen, dass derlei Selbstschädigungen zur Natur des Menschen gehören. Warum aber behaupten viele Wissenschaftler, dass Fleischessen zur Natur des Menschen gehöre? Und diese Behauptungen noch dazu mit falschen Argumenten unterstützen, wie solche, dass der Mensch ein Allesfresser wäre, der ohne Fleisch an Eiweißmangel, Vitaminmangel, Mineralstoffmangel und Unterernährung zugrunde gehen würde. Man kann nicht den pervertierten Zustand als Norm akzeptieren, selbst wenn statistisch die Majorität Fleisch isst. Wir können auch nicht das Töten andere Menschen sanktionieren, auch wenn im Krieg die meisten Menschen morden. Ohne Ehrfurcht vor der Natur, wird die Zerstörung der Natur kein Ende haben. Die Ehrfurcht müsste spätestens beim Tier beginnen. Kein Mensch wird leugnen, dass sein Hund oder seine Katze eine Seele hätte, die einem ans Herz gewachsen ist. Warum aber sollte nur der Kontakt des Menschen das Tier zu einem seelenvollen Wesen aufwerten. Hat es nicht auch ohne Kontakt zum Menschen eine Seele? Besitzt das scheue Reh nicht Anmut genug, dass es uns schon aus der Ferne entzückt? Ist das Sterben eines Elefanten nicht traurig genug, um Mitleid in uns zu erregen. Ist der Gesang der Vögel, die wir früh morgens gar nicht sehen, nicht himmlisch genug, um eine Seligkeit zu erleben? So bereichern Tiere unser Leben ohne ans Haus gebunden zu sein, so erregen Tiere der Wildnis Gefühle in uns, die gleichermaßen auch Menschen erzeugen können. Wie oft in der Geschichte haben Tiere Menschen das Leben gerettet, Pferde, Hunde, Delphine, Elefanten. Wie oft im Leben haben Tiere die Einsamkeit von Menschen vertrieben, Hunde, Katzen Kaninchen, Hühner, Gänse. Und wie viele Tiere haben über Tausende von Jahren dem Menschen bei schwere Arbeit geholfen. . Und wenn wir das Schlachten mit einbeziehen, dann müssen wir die Tiere als jene Wesen ehren, welche die Menschheit über Tausende von Jahren ernährt haben. Heute brauchen wir keine Tier mehr zur Arbeit zu quälen, weil Maschinen die Arbeit verrichten. Heute brauchen wir keine Tiere als Nahrungsmittel missbrauchen, weil Gemüse und Früchte in alle Winkel der Welt und in jede Klimazone transportiert werden können. Heute können wir es uns endlich leisten, fair zu sein und unseren animalischen Mitgeschöpfen die natürliche Moral der Achtung und Liebe zu zollen. Wir dürfen Tiere nicht mehr in Ställe zwingen, mästen, und schlachten. Wir müssen sie als seelenvolle Mitgeschöpfe behandeln und ihnen den Lebensraum gewähren, den sie mit gleichem Recht für sich beanspruchen können, wie wir den unsrigen. Gott hat die Tiere ebenso wie uns geschaffen und ihnen ebenso wie uns den Lebensraum auf dieser Erde gegeben. Es wird Zeit, dass der Mensch seine Lebensnische entdeckt und diese auf dem Planeten Erde so bescheiden einhält, wie alle Tier es zu tun pflegen. Warum muss der Mensch in unwirtliche Gegenden von monatelangem Schnee und Eis wohnen, die zwar für Bären, Rentiere und Schneeadler geschaffen sind, aber doch nicht für ihn. Es gibt Klimata und Landschaften, die für den Menschen ungesund und gefährlich sind, aber bestimmten Tieren idealen Lebensraum spenden. Wo immer aber der Mensch Raum einnimmt, rottet er die Fauna aus und zerstört weitgehend auch die Flora. . Alle Lebewesen sind auf Kooperation und auf Kommunikation angelegt Was im Sozialen Bereich als Seelenverwandtschaft zutage tritt, wenn Tiere verschiedener Spezies einander in Mimik und Ausdruck verstehen, ist genetisch durch die Übereinstimmung der Gene angelegt. Der Mensch stimmt bekanntlich zu 98, 7 % genetisch mit den Schimpansen überein. Die Menschheit muss sich mit radikaler Geburtenkontrolle reduzieren. Sie darf schon jetzt keinen weiteren Lebensraum der Erde mehr besiedeln. Alle Natur, die es jetzt noch gibt, muss zwangsweise unter Naturschutz gestellt werden. Einige urbane Gebiete müssen entsiedelt und der Natur zurückgegeben werden. Alle Schlachthäuser müssen geschlossen werden, alle Ställe in Tierheime aufgelöst werden, wo Tiere gepflegt und geliebt werden, wie vergleichsweise die Pferde heutzutage, die zum Reiten, zur Therapie und zur kindlichen Freude gehalten werden. So können Schweine, Kühe, Hühner Gänse als Spielgefährten für Kinder, als Freunde der Alten eingesetzt werden, wie es seit tausenden von Jahren schon der Hund und die Katze sind. Tiere zu essen muss als so ekelhaft empfunden werden wie der Kannibalismus. Tiere zu schlachten muss verboten werden, wie das Töten eines Menschen. Glücklicherweise gibt es bereits ein Gesetz gegen die Tierquälerei. Dieses Gesetz ist noch keine hundert Jahre alt und wird doch mit großer Selbstverständlichkeit akzeptiert. So wird auch eines Tages das Gesetz gegen das Schlachten von Tieren zum ethischen Selbstverständnis der Menschheit gehören. Die Tiere müssen zu ihrem Schutz anwaltlich vertreten werden und das gleiche Recht auf Lebenschancen bekommen wie jeder Mensch nach dem Grundgesetz.

Ewald Rumpf

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